Aktuelles

25 Jahre Kinderrechte – Kinderrechte in der Wadzeck-Stiftung

Genau vor 25 Jahren, am 5. April 1992, trat die UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland in Kraft . Kinderrechte sind Menschenrechte und in fast allen Staaten der Welt geltendes Recht.

Gesellschaftlich sind die Kinderrechte eine wichtige Errungenschaft. Sie unterstützen, dass Kinder geschützt aufwachsen, individuell nach ihren Fähigkeiten gefördert und ihre Meinungen bei sie betreffenden Angelegenheiten berücksichtigt werden.

Kinder haben das Recht auf Schutz vor Gewalt, das Recht auf Mitbestimmung und das Recht auf Spiel, Freizeit und Erholung.

In den letzten 25 Jahren haben Kinderrechte das Leben von Kindern in vielerlei Hinsicht verbessert.

Auch bei uns haben sich Kinder und Mitarbeiter mit dem Thema Kinderrechte auseinandergesetzt und gemeinsam eine Broschüre erstellt, die am 19. Juni 2017 im Heimrat unserer Stiftung und im Heimrat des Kinderdorfes „Märkische Heide“ feierlich übergeben wird.

Sie beinhaltet die Rechte und Pflichten der Kinder und Jugendlichen, die bei uns leben und betreut werden.

Rechtekatalog für unsere Kinder und Jugendlichen

„Meine Rechte

und die der Anderen“

Wir danken allen Kindern und MitarbeiterInnen, die an der Entwicklung und Gestaltung des Rechtekatalogs beteiligt waren.

Liebe Mädchen und Jungen,

dies ist der Rechtekatalog der Wadzeck-Stiftung für Kinder. Hier kannst Du nachlesen, welche Rechte Du hast, wo es Einschränkungen Deiner Rechte gibt und auch, wie und wo Du Dich beschweren kannst. Wenn Du Anregungen, Wünsche oder Beschwerden hast, kannst Du Dich an Deine Erzieher oder die Personen am Ende dieser Broschüre wenden.

Jeder Mensch hat Rechte (und Pflichten), Du auch. Dieses Heft zeigt Dir Deine Rechte auf, wenn Du bei uns wohnst oder betreut wirst. Und es gibt einige Hinweise auf Deine Pflichten. Sie zeigt ebenfalls, wenn und warum es auch Einschränkungen von Rechten gibt.

Die Rechte von Mädchen und Jungen sind durch Gesetze, z.B. durch das Jugend­schutzgesetz sowohl begründet als auch begrenzt. Das Rauchen oder Alkohol trinken ist Kindern bspw. gesetzlich verboten.

Die Rechte stehen oft im Zusammenhang mit anderen Rechten, z. B. dem Personen­sorgerecht. Solange Du noch nicht 18 Jahre alt bist, haben Deine Eltern oder Dein Vor­mund die Personensorge, d. h. sie haben das Recht und die Pflicht, Entscheidun­gen für Dich zu treffen.

Wenn Du nicht mit deinen Eltern zusammen wohnst, wird diese Aufgabe Deinen Pflegeeltern oder dem Erzieherteam in Deiner Gruppe in Absprache mit Deinen Eltern oder Deinem Vormund übertragen. Sie haben dann das Recht und die Pflicht, Entscheidungen für Dich zu treffen. Dabei kann es sich zum Beispiel um Fragen der Schule, der medizinischen Behandlung, der Freunde, von Freizeitaktivitäten oder Ausgangszeiten handeln.

Was ist wichtig für Dich?

Je nach Alter und Entwicklungsstand, wirst Du am Hilfeplangespräch und auch bei anderen wichtigen Entscheidungen beteiligt und Deine Wünsche werden nach Mög­lich­keit berücksichtigt, denn es geht ja um Dich. Je älter Du wirst, umso mehr kannst Du mitentscheiden. Es kann aber vorkommen, dass es keine Lösung gibt, mit der alle ein­verstanden sind. Dann werden dir die Betreuerinnen und Betreuer ihre Entschei­dung immer begründen.

Solltest Du Dich allerdings ungerecht behandelt fühlen, hast Du das Recht, Dir Hilfe zu holen. Die Adressen findest Du am Ende der Broschüre. Wenn Du in einer Wohngruppe lebst, hast Du die Mög­lich­keit, Dir von Deinem Gruppensprecher oder Deiner Gruppensprecherin Unter­stützung zu holen und Dich zum Beispiel auch in einem klärenden Gespräch begleiten zu lassen. Auch bei Gesprächen außerhalb der Einrichtung (z. B. Schule) kannst Du Dir eine Person auswählen, die Dich dann begleitet und Dich unterstützt.

Du hast das Recht auf Kontakt zu wichtigen Personen für Dich. Es kann aber manchmal notwendig sein, dass Kon­takte zu Deiner Familie, zu Freunden oder sonstigen Personen eingeschränkt, begleitet oder ganz unterbun­den werden. Das wird mit Dir im Hilfeplangespräch besprochen und die Gründe werden Dir mitgeteilt und erklärt. Einige Rechte, wie z.B. Schule, Freizeit, Ausgang, Besuche usw. kannst Du so weit wie möglich mit Deinen Eltern oder Deinem Vormund und Deinen Betreuer­innen und Betreuern abstimmen. Je nach Alter und Entwicklungsstand wer­den Deine Wünsche berücksichtigt. Je älter Du wirst, umso mehr kannst Du mitentscheiden.

Du hast Rechte,

die anderen auch!

Das bedeutet, Deine Rechte in der Wadzeck-Stiftung sind auch durch die Rechte anderer Menschen begrenzt. Sie sind z. B. dort begrenzt, wo laute Musik von Dir die Nachbarn stört. Die Musik darf nur so laut sein, dass Mit­bewohner/innen keinen Grund zur Beschwerde haben.

Oder ein anderes Beispiel: Du darfst Deine Meinung frei äußern, solange Du niemand anderen dadurch beleidigst und verletzt.

Niemand darf Dich ein- oder aus­sperren. Hier gibt es jedoch auch Ausnahmen in Gefahrensituationen. Die Betreuerinnen und Betreuer haben die Pflicht, Gefahren von Dir und anderen abzuwenden. Wenn Du Dich oder andere gefährdest, können die Betreuerinnen und Betreuer Dich festhalten oder Dir ver­weigern, die Gruppe zu verlassen.

Behalte diesen Rechtekatalog, damit Du nachlesen kannst, wenn Dir etwas unklar ist. Bei Fragen kannst Du Dich an Deine Bezugsbetreuerin oder Deinen Bezugsbetreuer sowie an jeden Mitarbeitenden der Wadzeck-Stiftung oder an die Leitung wenden.

Wir wünschen Dir, dass Du Dich bei uns wohlfühlen kannst und Vertrau­en zu uns fasst, um eine gute Entwicklung zu nehmen.

MitarbeiterInnen und Leitung der Wadzeck-Stiftung

Rechte einer jeden Person – Grundrechte –

 Ich habe das Recht …

  • auf meine eigene Meinung.
  • dass meine Ideen und Wünsche ernst genommen werden (siehe: Beteiligung).
  • dass meine persönlichen Themen vertraulich behandelt werden (Datenschutz).
  • auf meine eigene Post (Briefgeheimnis).
  • auf respektvollen Umgang miteinander.
  • meine Gefühle zu zeigen.
  • dabei unterstützt zu werden, meine Fähig­keiten und Stärken herauszufinden.
  • dass ich meinen eigenen Geschmack entwickeln kann (z.B. Kleidung, Frisur und Schmuck).
  • auf mein eigenes Zimmer als Rückzugsmöglichkeit.

„Eigenes Zimmer“ bedeutet nicht: Eigentum im Sinne von Besitz, sondern ein zugeteilter Bereich (Einzel- oder Doppelzimmer), der den Kindern und Jugendlichen für ihren Aufenthalt in der Wadzeck-Stiftung zusteht.

  • eigene Hobbys zu pflegen und bei meiner Freizeitgestaltung mitzubestimmen.
  • Besuche zu empfangen (z. B. Familienkontakte einzufordern oder abzu­lehnen).

Recht auf Unversehrtheit –‚Recht‘ dazu zu gehören –

Ich habe das Recht …

  • auf Schutz vor Gewalt.
  • auf einen Ort, an dem ich mich sicher und wohl fühlen kann.
  • auf einen Platz in der Gesellschaft
    (z.B. eigene Familie, meine Gruppe, Vereinsmitgliedschaft).
  • mit meinem kulturellen Hintergrund (z.B. Glaube, Sprache, Hautfarbe, Geschlecht) respektiert zu werden.
  • auf Kontakt mit meiner Familie unabhängig von meinem Verhalten
    in meiner Wohngruppe.

Es kann notwendig sein, dass Kontakte zu bestimmten Personen begleitet, eingeschränkt oder ganz unterbunden werden. Die Gründe dafür werden im Hilfeplangespräch mitgeteilt.

  • dass meiner Familie und meiner Herkunftsgeschichte mit Wertschätzung begegnet wird.
  • über meine Familie und meinen bisherigen Lebensweg altersgemäß
    informiert zu werden.

Recht auf Versorgung

Ich habe das Recht …

  • auf regelmäßiges, gesundes und ausreichendes Essen und Trinken.
  • auf ein ausreichend großes und warmes Zimmer
    (manchmal auch mit Anderen gemeinsam).
  • auf altersangemessenes Taschengeld.
  • auf Ruhezeiten und Schlaf.
  • auf (nicht nur: medizinische) Versorgung, wenn ich krank bin.
  • auf ausreichende und angemessene Kleidung.
  • auf altersgemäße Spielmaterialien.

Recht auf Erziehung

Ich habe das Recht …

  • auf eine gewaltfreie Erziehung. Niemand darf mich schlagen, verletzen, beleidigen, demütigen oder mich zu sexuellen Handlungen zwingen.
  • auf Freiräume, aber auch auf Grenzen (z.B. gegenüber Anderen).
  • in allen Bereichen meiner Entwicklung gefördert zu werden und
    auf be­sondere Hilfe, wenn ich etwas (noch) nicht gut kann.
  • Fehler zu machen und daraus zu lernen.
  • erklärt zu bekommen, wie ich mich in verschiedenen Situationen verhalten kann.
  • auf Aufklärung und Beratung zu Themen wie z. B. Gefühle, Gesundheit und Sexualität.
  • auf Unterstützung, Freundschaften zu knüpfen und zu pflegen.

Recht auf Beteiligung

Ich habe das Recht …

  • bei allen Dingen, die mich betreffen, altersgemäß informiert, gehört und
    gefragt zu werden.
  • beim Hilfeplangespräch beteiligt zu sein (so gut und so lange, wie ich es schaffen kann) und wichtige Dinge anzusprechen.
  • dass meine Wünsche gehört wer­den und mit mir besprochen wird, ob und wie diese erfüllt werden können.
  • wenn meine Wünsche nicht erfüllt werden, die Gründe dafür zu erfahren.
  • in Absprache und gemeinsam mit meiner/m Bezugsbetreuer/In Einblick in meine Akte zu nehmen, entsprechend der gesetzlichen Regelungen und altersgemäß informiert zu werden.
  • den Tag mit zu gestalten (z. B. bei Freizeit und Essen).
  • mit zu entscheiden, wie mein Zimmer gestaltet wird.
  • dass ich meine Ideen und Fähigkeiten bei der Mitgestaltung von Festen, Projekten und Ferienfreizeiten mit einbringen kann.

Recht auf Eigentum

Ich habe das Recht …

  • auf eigene Sachen (z.B. Spielzeug)
  • zu entscheiden, wer meine Sachen benutzen darf
    (siehe „beschränkte Geschäftsfähigkeit“ § 106 ff. BGB)
  • auf mein Taschengeld, ohne dass mir davon wesentliche Teile
    abgezogen werden.
    (siehe „Taschengeldparagraph“ § 110 BGB)

In der Wadzeck-Stiftung wird ein kleiner Teil vom Taschengeld für größere Ausgaben gespart. Dieses Geld wird gleich einbehalten und auf ein Konto eingezahlt. Bei besonderem Bedarf wird es in Rücksprache mit Deinem/r Erzieher/In ausgehändigt.

  • auf ein Zimmer in der Wadzeck-Stiftung
    (manchmal auch mit Anderen gemeinsam)
  • dass meine Wertsachen sicher aufbewahrt werden.

Recht auf Bildung

Ich habe das Recht …

  • auf Unterstützung beim Lernen oder in der Ausbildung.
  • dass mir die Erwachsenen ihre Sicht auf die Welt erklären und
    ich meine Perspektive behalten kann
  • jeden Tag zur Schule gehen zu dürfen.
  • auf Hilfe bei den Hausaufgaben.
  • auf Unterstützung, eine Ausbildungsstelle zu finden.
  • bei allen Fragen, die mich interessieren, altersgemäß informiert zu werden
    (siehe Beteiligung).
  • Informationen durch verschiedene Medien zu erhalten (z. B. Tageszeitung, Bücher, Fernsehen, Internet etc.).

Recht auf Beschwerde und Unterstützung

Ich habe das Recht …

  • Dinge anzusprechen, die mir in meiner Gruppe oder in meiner Umgebung Probleme bereiten.
  • mit anderen Kindern, Jugendlichen und/ oder dem Gruppen­sprecher über meine Probleme zu sprechen.
  • mir Hilfe zu holen, wenn ich Unterstützung benötige. Ich kann dann meine Bezugserzieher/In und andere MitarbeiterInnen ansprechen.
  • wenn ich das Gefühl habe, nicht ausreichend gehört oder verstanden zu werden, mich an die Vertrauensperson in der Einrichtung zu wenden.
  • mich bei Beschwerden über die Einrichtung als solche an das Jugendamt
    zu wenden (Adressen hinten!).
  • bei Bedarf Unterstützung zur Kontaktaufnahme bei einer Ombudsstelle zu erhalten (Adressen hinten!).

 

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Interaktives Lernen in unserem Schulprojekt der „Kleinen Schule“

Immer mehr Kinder haben schon im Grundschulalter massive Lernschwierigkeiten und/oder  können sozial den schulischen Anforderungen in Regelschulen nicht gerecht werden. Viele haben große Motivationsprobleme und können einen ganzen Schultag nicht durchhalten.

Für diese Kinder betreibt die Wadzeck-Stiftung das Schulprojekt  „Kleine Schule“. Hier können 12 Kinder in zwei kleinen Klassen erlernen, mit einer schulischen Situation sozial zurecht zu kommen und einen Schulalltag zu meistern. In der Regel besuchen sie unsere Schule für 1 bis 3 Jahre und werden dann in eine Regelschule zurückgeführt.

Das Schaffen eines motivierenden und zeitgemäßen Lernumfeldes ist von entscheidender Bedeutung, die Einbeziehung moderner Technik leistet dabei einen wichtigen Beitrag.

Auf diese Weise kann eine individuelle Lernumgebung geschaffen werden, die es möglich macht, die SchülerInnen ihrem individuellen Lernstand entsprechend zu fördern, ohne diese zunächst in eine zu große Konkurrenzsituation zu bringen.

Die beiden Lerngruppen der Schul- und Tagesgruppe der Wadzeck-Stiftung arbeiten seit ungefähr einem Jahr mit Tablets und dem Lernprogramm Snappet.

Die Mobilität der kleinen und leichten Tablets ermöglicht uns ein Lernen an jedem Ort: zusammen im Klassenraum, einzeln im Nebenraum oder auch im Grünen. Da unsere Schüler altersgemischt von Klasse 1 bis 6 unterrichtet werden, bietet uns das Lernprogramm eine individuelle Differenzierung und Förderung in den Hauptfächern Deutsch und Mathematik. Jedes Kind kann in seinem Tempo, in seinem Übungsbereich und auf seinem individuellen Leistungsstand arbeiten. Durch das abwechslungsreiche und interaktive Lernmaterial wird die Leistungsbereitschaft der Kinder gefördert. Es gibt Aufgaben, bei denen sie Zahlen oder Wörter schreiben, passende Elemente aussuchen oder verschieben und zuordnen müssen. Die Schüler können aufgrund der klaren Anweisungen eigenständig lernen und erleben sich durch die sofortige Rückmeldung nach jeder Aufgabe erfolgreich. Wurde eine Aufgabe falsch bearbeitet, bekommt das Kind Lösungshinweise und eine zweite Chance zum Lösen. Dies wiederum motiviert sie zum Weiterarbeiten. Sowohl die Lernenden als auch wir Lehrerinnen erhalten über das Lernstandsprofil Einblick in die Leistungsentwicklung jedes Schülers.

Zudem wird im digitalen Zeitalter die Medienkompetenz der jungen Menschen gestärkt.

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„Nur die Besten kommen ins Heim!“

Die Jugendhilfe-Kampagne zur Fachkräftegewinnung der Diakonie Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz geht an den Start. Mit dem Motto „Nur die Besten kommen ins Heim!“ wird auf dem Diakonie-Portal das Arbeiten in Wohngruppen und in anderen sogenannten stationären Wohnformen der Erziehungshilfe vorgestellt.

Über die URL www.die-besten-ins-heim.de gelangen Interessierte auf die Kampagnen-Seite: Erzieherinnen und Erzieher können sich über ausgewählte Themen wie Erlebnispädagogik, Hilfeplanung oder berufliche Weiterentwicklungsmöglichkeiten informieren.

Unser Geschäftsführer, Volker Stock, hat in diesem Zusammenhang einen Artikel über „familienähnliche Konzepte“ – dem Wohnen in der Wohngruppe verfasst, der allen beruflich Interessierten und denen, die schon immer wissen wollten, wie sich das Leben im Heim gestaltet, einen ausführlichen Überblick verschafft.

Zu Hause in der Wohngruppe

In sogenannten „innewohnenden“ oder auch „familienanalogen“ Betreuungsformen lassen sich Pädagog_innen im Rahmen stationärer Jugendhilfe auf eine intensive Pädagogik in einem kleinen Rahmen ein. Sie leben mit wenigen Kindern in einem gemeinsamen Haushalt. Zu Gunsten der Möglichkeit einer intensiveren Beziehungsgestaltung und eigenverantwortlicheren Arbeitens verzichten sie dabei auf die sonst übliche klare Trennung von „Privat“ und „Arbeit“.

Schon seit vielen Jahren beschäftigen sich PädagogInnen mit der Frage, wie man Kinder und Jugendliche professionell aber in einem kleineren Rahmen als üblich – eben „familienanalog“ -betreuen kann.

Oft geschieht dies aus dem Gefühl heraus, im Gefüge eines im Schichtdienst organisierten Teams von fünf bis sechs – machmal sogar sieben – ErzieherInnen und SozialpädogogInnen, den individuellen Bedürfnissen des einzelnen Kindes nicht ausreichend gerecht werden zu können. Manchen PädagogInnen bleiben die Beziehungen zu den Kindern in der gängigen Schichtdienstbetreuung zu distanziert, zu beliebig und wechselhaft.

Auch die Bindungsforschung gibt Hinweise darauf, dass es für Kinder einfacher ist, „nachnährende“ Erfahrungen in einem individuelleren, nur auf wenige Erwachsene bezogenen Betreuungsangebot zu machen.
Immer wieder ergibt sich fachdiagnostisch ein entsprechender Bedarf nach Betreuung in einem kleineren Rahmen: Vor allem für Kinder und Jugendliche mit erhöhtem Förderbedarf, die sich aufgrund ihrer Lebensgeschichte besonders schwertun mit dem Zusammenleben, den emotionalen und sozialen Anforderungen, welche Alltagsleben, Freizeitgestaltung und schulisches Lernen an sie stellen, finden sich in familienanalogen Angeboten besser zurecht.
Auch im Rahmen kinder- und jugendpsychiatrischer Diagnostik und Behandlung kommt es regelmäßig zu der dringenden Empfehlung der Fachärzte: Zur langfristigen Genesung und Entwicklung brauche es eine kleine, übersichtliche Gruppe von Kindern und wenige, kontinuierlich verfügbare erwachsene Bezugspersonen, die mit den Herausforderungen des Zusammenlebens professionell umgehen können.

Vor diesem Hintergrund sind bis heute verschiedene Modelle entstanden, in denen PädagogInnen mit den von Ihnen betreuten Kindern einen gemeinsamen Haushalt teilen und dort gemeinsam mit ihnen Wohnen (daher „Innewohnend“), z.T. werden sie dabei von hinzukommenden PädagogInnen unterstützt. Dies sind vor allem:

  • Erziehungsstellen (EST)
  • Erziehungswohngruppen (EWG)

(In Berlin finden sich zusätzlich seit einigen Jahren die sogenannten Wohngruppen mit alternierend innewohnender Betreuung (WAB). Ob es sich bei diesen rechtlich tatsächlich um ein innewohnendes Modell handelt ist umstritten und befindet sich aktuell in der verwaltungsgerichtlichen Klärung. Zu dieser Thematik und dem Modell an sich findet sich bei Interesse hier ein ausführlicher Artikel.)

Die Modelle unterscheiden sich in Organisationsform, Anzahl der innewohnenden PädagogInnen, sowie auch in der Anzahl der jeweils betreuten Kinder/Jugendlichen.

Die Grundidee der Erziehungsstelle ist die Aufnahme von ein oder zwei Kindern in den eigenen privaten Haushalt des/der PädagogIn. Dort werden die Kinder vollumfänglich betreut.

Im Rahmen einer Erziehungswohngruppe leben 3-6 Kinder mit ein oder zwei innewohnenden PädgogInnen (oft ein/e einzelner/r PädagogIn oder ein Paar) in einem gemeinsamen Haushalt. Die innewohnenden PädagogInnen werden durch stundenweise hinzukommende PädagogInnen unterstützt. Der Umfang dieser Unterstützung hängt von der Anzahl der Kinder ab.

Für Erziehungswohngruppen wird entsprechender Wohnraum i.d.R. von den Einrichtungen zur Verfügung gestellt. Für Erziehungsstellen wird häufig der private Wohnraum des/r PädagogIn genutzt. Dies ist insbesondere dann sinnvoll, wenn bereits eigene Kinder des/der PädagogIn im Haushalt leben. Auch in Erziehungswohngruppen ist es manchmal gegeben, dass Angehörige der/des innewohnenden PädagogIn mit im gemeinsamen Haushalt leben.

In Berlin regelt der Berliner Rahmenvertrag Jugendhilfe die Grundlagen für Personalstruktur und Vergütung der einzelnen familienanalogen Angebote. Auf dieser Grundlage vereinbaren die einzelnen Einrichtungen/Träger die konkrete Umsetzung mit der Senatsverwaltung und schließlich mit den an dieser besonderen Betreuung interessierten PädagogInnen.

Gemeinsam ist allen innewohnenden Betreuungsformen, dass in Ihnen die Grenze zwischen „Arbeit“ und „Privat“ nicht mehr eindeutig zu ziehen ist. Entsprechend kann auch nicht wie sonst üblich, eine feste Wochenarbeitszeit gelten.
Diesem Umstand trägt der Gesetzgeber mit dem §18 des Arbeitszeitgesetzes Rechnung, der es engagierten PädagogInnen schon seit vielen Jahren gestattet, sich für familienähnliche Betreuungsmodelle zu entscheiden und öffentlichen wie freien Trägern der Jugendhilfe zu ermöglichen, solche Angebote rechtskonform zu kreieren. Viel Kinder konnten auf dieser Grundlage gesunden und von einem ihnen angemessenen Lebensort profitieren.

Um den PädagogInnen vor diesem Hintergrund einen materiellen Ausgleich für den besonderen Einsatz zu ermöglichen, den die Arbeit in innewohnenden Angeboten ohne Zweifel bedeutet – insbesondere für das weit über die klassische Wochenarbeitszeit hinausgehende Engagement, das damit verbunden ist – wurden im Berliner Rahmenvertrag Jugendhilfe zusätzliche Vergütungsanteile festgelegt. So sind, je nach Angebot und Anzahl der Kinder, Gehaltsaufschläge für die innewohnenden Pädagogen bis zu ca. 50% möglich.

Es ist gerade diese Kombination aus überdurchschnittlicher Vergütung, eigenständigem Arbeiten sowie der Möglichkeit zu einer sehr intensiven und individuellen Pädagogik, die für viele PädagogInnen den Tätigkeitsbereich „Innewohnen“ so interessant macht. Die zusätzliche Einbettung in das professionelle und unterstützende Gesamtgefüge eines diakonischen Trägers mit den Möglichkeiten zu Supervision, Fortbildung und Fachberatung sorgen für ein durchaus „besonderes“ aber somit auch hochattraktives Arbeitsfeld.

Autor: Volker Stock (Wadzeck-Stiftung)